Die Zeit

October 2023

»Weiße Männer werden im kulturellen Klima aussortiert. Dabei ist ihre Arbeit oft brillant.«

Ein Gespräch mit dem Verleger Bernard Schweizer, der mit seinem neu gegründeten
Verlag Heresy Press gegen die »Scharfrichter des Konformismus« ankämpfen will

Bernard Schweizer serviert an diesem Nachmittag in seiner Penthouse-Wohnung über den Dächern von Boston »Kaffee und Kuchen«, wie er auf Deutsch sagt. Geboren 1962 in der Schweiz, studierte er Literatur, war einige Jahre Professor in Lausanne und lehrte dann bis zu seiner Emeritierung an der Long Island University in New York. Schweizer ist ein schmaler Mann, in seiner Freizeit steigt er gerne auf hohe Berge. Trotz seiner Schweizer Herkunft führt er das Interview Lieber auf Englisch. Er könne sich über Literatur nicht mehr präzise genug auf Deutsch unterhalten, sagt er. Von hier oben verfolgt Schweizer die Debatten über das Sagbare und das Nicht-mehr-Sagbare im Literaturbetrieb. Er schaut auch nach Europa, seiner alten Heimat. Und beobachtet dort ähnliche Entwicklungen. Hierzulande ist die Frankfurter Buchmesse ein beliebtes Debatten-Schlachtfeld. Sie beginnt in wenigen Wochen.  

DIE ZEIT: Herr Schweizer, bevor wir über die Gründung Ihres Verlags sprechen – können Sie uns die fünf wichtigsten Bücher im Leben des Lesers Bernard Schweizer nennen?
Bernard Schweizer: Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Die Korrekturen von Jonathan Franzen, der perfekte Roman für mich. Der Zauberberg von Thomas Mann, diese Sätze wie geflochtener Stahl, unglaublich. Und Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy.
ZEIT: Drei Klassiker der Weltliteratur.
Schweizer: Zu meinen Top Five gehört auch noch die große Reisereportage Schwarzes Lamm und grauer Falke der britischen Schriftstellerin Rebecca West, in der sie ihre Reiseeindrücke aus dem Jugoslawien der späten Dreißigerjahre beschreibt. Es ist ein zutiefst antifaschistisches Buch, das sich dagegen ausspricht, einer großen Idee die Leben von Menschen zu opfern.
ZEIT: Was haben diese Bücher gemeinsam?
Schweizer: Für mich ist große Literatur der Inbegriff von Freiheit. Die Freiheit, erst einmal alles zu denken. Die Freiheit, etwas zu riskieren, über Grenzen zu gehen, Normen zu sprengen. Das Gegenteil von Angst. Das verkörpern diese Bücher für mich. Das gilt auch für das letzte Buch in meinen Top Five: Blameless in Abaddon von James Morrow. Es geht um die riesige Leiche Gottes, die zwei Meilen lang ist und zur Touristenattraktion wird. Es ist ein tief blasphemisches, aber auch ein humorvoll-geistreiches Buch. James Morrow ist Fantasy-Schriftsteller – und ein Freund von mir. In meinem neuen Verlag geben wir zusammen eine Kurzgeschichtensammlung heraus.
ZEIT: Ihr Verlag heißt Heresy Press und trägt die Häresie schon im Namen. Die ersten Bücher erscheinen in den nächsten Wochen: Es sind Romane und Erzählungen, von denen Sie behaupten, dass sie im amerikanischen Kulturbetrieb heute keine Chance mehr haben …
Schweizer: … Moment! Wir bringen Bücher heraus, in denen große Literatur steckt. Das ist unser wichtigstes Kriterium. Wir publizieren nichts, bloß um zu provozieren. Aber richtig ist: Der Literaturmarkt ist sehr eng geworden. Es herrscht das Gegenteil von Freiheit. Wer oder was nicht passt, wird ausgeschlossen. Da möchten wir mit unserem kleinen Verlag gegenhalten.
ZEIT: Sie sind emeritiert, Ihre Frau ist Chefin eines Biotech-Unternehmens – eigentlich könnten Sie ein gemütliches Leben führen. Nun stürzen Sie sich in eine der heißesten Debatten der US-amerikanischen Öffentlichkeit, in nicht enden wollende Shitstorms gegen Autoren, denen vorgeworfen wird, Falsches zu sagen und zu schreiben, und die Diskussion um die Verbannung von Büchern aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken. Warum tun Sie sich das an?
Schweizer: Ganz ehrlich, weil ich meiner Frau auf die Nerven gegangen bin. Ich habe mich in den letzten Jahren ständig aufgeregt: etwa wenn ein Roman über mexikanische Einwanderer einen Shitstorm auslöst und der Autorin damit gedroht wird, dass sie gecancelt wird, nur weil sie nicht die exakt »richtigen« kulturellen Wurzeln hat. Solcher Unfug hat mich regelmäßig auf die Palme gebracht, bis meine Frau gesagt hat: Dann tu doch etwas dagegen, gründe eben selbst einen Verlag.
ZEIT: Bei dem Buch, das Sie ansprechen, handelt es sich um American Dirt von Jeanine Cummins. Nach der Veröffentlichung wurde ihr kulturelle Aneignung vorgeworfen: Sie bediene sich der Perspektive einer mexikanischen Mutter, die sie aufgrund ihrer Privilegien als weiße Frau gar nicht einnehmen könne und auch nicht dürfe.
Schweizer: Ich bin mit Literatur aufgewachsen, mit diesen Genies und ihren großen Kunstwerken. Wenn ich sehe, auf welche Beschränkungen Autoren heute treffen: Dieses ist nicht erlaubt und jenes auch nicht … Ich kann das nicht glauben. Unter heutigen Bedingungen hätte Harper Lee den Roman Wer die Nachtigall stört wohl nicht veröffentlichen können, denn die weiße Schriftstellerin schreibt über die Probleme der Schwarzen in den Südstaaten der USA, und obendrein fällt auch noch mehrfach das N-Wort. In der amerikanischen Verlagswelt von heute dürfen keine Grenzen mehr überschritten werden,  seien es Grenzen der Identität, des Humors oder der Ideologie. Diese forcierte Sensibilität erzeugt eine Konformität, die dann der Literatur aufgezwungen wird. Kein Künstler ist davor mehr sicher. Das sieht man auch an Roald Dahl …
ZEIT: … ein Schriftsteller, dessen Kurzgeschichten und Kinderbücher sich bis heute millionenfach verkaufen. Das Markenzeichen seiner Geschichten ist der tiefschwarze Humor. Anfang des Jahres hat der britische Puffin-Verlag seine Kinderbücher in einer neuen Auflage veröffentlicht – mit zum Teil erheblichen Veränderungen.
Schweizer: In der Neufassung sind die Menschen nicht mehr dick oder hässlich. Die Formulierung »du bist verrückt« (»you are crazy«) wurde gestrichen, weil sie behindertenfeindlich sein soll. Es heißt nicht mehr »dumm«, sondern »weniger schlau«. Die Umpa-Lumpas in Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik sind nicht mehr kleinwüchsig, jetzt fehlt ihre physische Beschreibung eben einfach ganz. Anstatt uns damit auseinanderzusetzen, diese Begriffe und Motive zu problematisieren und zu verstehen, was sie über die Zeit ihrer Entstehung aussagen, verbannen wir sie. Wenn wir aber alles streichen, was problematisch sein könnte, landen wir bei einer blassen, kraftlosen Literatur.
ZEIT: Der Schriftsteller Salman Rushdie sprach von Zensur: So werde das Werk von Roald Dahl vernichtet.
Schweizer: Roald Dahls Geschichten spielen mit Bösartigkeiten aller Art. Wie kann man das einfach ausradieren? Das ist kultureller Vandalismus.
ZEIT: Wir haben verstanden: Sie regen sich auf. Wo verorten Sie die Wurzeln dieser Entwicklung?
Schweizer: Eine wichtige Rolle spielt die Gedankenwelt der französischen Konstruktivisten der Siebziger- und Achtzigerjahre, die sagen, dass die Realität aus verbal verankerten Konstruktionen bestehe. Wer die Sprache ändert, verändert also die Realität. Diese postmoderne Philosophie ist im Westen sehr mächtig geworden. Dazu gehören die Arbeiten von Michel Foucault, der den scheinbar deterministischen Einfluss von Diskursen über Sexualität, Justiz und Rasse theoretisierte. Heute äußert sich diese Haltung in dem unbedingten Willen, große Ideale wie Minderheitenrechte oder Antirassismus via Sprachregelungen durchzusetzen – und dazu ist man bereit, ein anderes großes Ideal, nämlich die Gedankenfreiheit, zu opfern.
ZEIT: Die Häresie wandte sich einst gegen die offizielle Lehre der Kirche. Wer sind heute die Kardinäle, wer ist der Papst?
Schweizer: Ich war neulich in einer Filiale von Barnes & Noble, der größten amerikanischen Buchhandlungskette. Da habe ich mir das Regal der aktuellen Romanbestseller angeschaut. 22 Bücher, von denen 20 von Frauen geschrieben sind. Die Themen: Liebe, Herzschmerz, Familiengeschichten, weibliches Empowerment und Antirassismus. Das alles sind wichtige, interessante Themen. Ich habe dort einige Stunden zugebracht und in viele der Bücher reingelesen. In all der Zeit hat sich kein einziger Mann dem Bestsellerregal genähert.
ZEIT: Das braucht einen doch nicht zu wundern, wenn 75 Prozent der Buchleser Frauen sind.
Schweizer: Gemäß neuesten Umfragen sind es 80 Prozent. Ich frage mich nur: Gibt es hauptsächlich Leserinnen, weil Männer einfach dem Lesen abgeneigt sind? Oder gibt es kaum männliche Leser mehr, weil der Markt gezielt an ihren Interessen vorbeiproduziert?
ZEIT: Hätten Sie vor hundert Jahren einen Buchladen aufgesucht, wäre es doch genau andersherum gewesen: nur männliche Autoren für ganz überwiegend männliche Leser.
Schweizer: Dieses Argument kenne ich. Ich bin auch überhaupt nicht dagegen, dass Minderheiten und Frauen Eingang in den Mainstream finden, im Gegenteil, ich habe auch als Professor immer darauf geachtet, dass wir in meinen Kursen ebenso viele Werke von Autorinnen wie von Autoren behandeln, und ich habe unzählige Kurse über nichtweiße Autoren beiderlei Geschlechts unterrichtet. Aber das, was wir heute sehen, ist eben das Gegenteil von echter Diversität. Der Markt wird überschwemmt mit teils zweitklassiger Literatur, aber das macht nichts, weil sie eben alle Anforderungen der Gatekeeper erfüllt.
ZEIT: Sie sind vorhin unserer Frage ausgewichen: Wer sind denn nun diese Gatekeeper? Schweizer: Eine zentrale Rolle spielen die Literaturagenten, also die Instanz, die Bücher an die Verlage vermittelt. Literaturagenten sind in den USA heute zu rund 80 Prozent Frauen, die sich selbst als progressiv und modern bezeichnen würden und in großen Städten leben.
Schweizer steht auf, verlässt kurz den Raum und kommt mit einem gehefteten Manuskript zurück. 
Schweizer: Das ist mein Roman, mein erster Roman. Er handelt von einem merkwürdigen Einzelgänger, der als Eremit im Wald lebt und sich der buddhistischen Meditation verschreibt, dann aber in allerlei abwegige Machenschaften verstrickt wird. Es gibt ein Vorbild für diese Figur, ich kenne einen solchen Einsiedler in der Schweiz, der sich als Erleuchteter ausgibt, obwohl er ein manipulativer Egomane ist. Ich habe dieses Manuskript an mehr als hundert Literaturagentinnen verschickt. Welche Antworten, meinen Sie, habe ich bekommen?
ZEIT: Das klingt allerdings auch nach einem nicht ganz leicht verdaulichen Stoff. Aber erzählen Sie!
Schweizer: Ein weißer Mann um die 60 schreibt eine satirische Aufarbeitung von Hermann Hesses Roman Siddhartha, über einen weißen Mann, der sein spirituelles Heil durch eine muslimische Apostatin sucht, während er sich auch noch mit einer Gruppe von Rechtsextremisten befreundet. So ein Buch ist derzeit nicht vermittelbar, hieß es immer und immer wieder. Irgendwann habe ich aufgegeben. Ich will meinen Roman wirklich nicht zu wichtig nehmen, aber wenn Bücher, in denen Männer über Männer schreiben, kaum mehr publiziert werden können, wird es thematisch schon sehr eng.
ZEIT: Im Lauf der Geschichte hat es immer wieder Revolutionen gegeben, die Gesellschaften in letzter Konsequenz besser und gerechter gemacht haben. Fast immer gab es dabei auch unschuldige Opfer. Verhält es sich hier nicht vielleicht ähnlich? Sind die weißen, heterosexuellen Männer – vielleicht auch wir, die wir hier zusammensitzen – möglicherweise ein solcher Kollateralschaden? Tragisch, aber eben notwendig, damit die Dinge besser werden?
Schweizer: Das glaube ich nicht. Indem Sie Literatur begrenzen, tun Sie der Literatur im Ganzen keinen Gefallen. Ja, das Pendel schwingt nun zurück, aber es schlägt zu weit aus, wenn überhaupt haben wir es mit einer Überkorrektur zu tun. Es muss um Ideen gehen, die wir auf ihre Relevanz und Stärke hin prüfen und unter denen wir die besten auswählen. Ich glaube an das meritokratische Modell, und dafür braucht es echte Konkurrenz. Wenn wir diese Konkurrenz beschneiden, indem wir einer ganzen Autorengruppe den Platz am Tisch verwehren, schaden wir der Kunst.
ZEIT: Aber genau das ist doch das Problem: Anderen Gruppen wurde dieser Platz am Tisch über Jahrhunderte verwehrt. Und nicht nur das, Minderheiten wurden als rassistische Abziehbilder präsentiert, viele Generationen haben diese Darstellungen zu lesen bekommen. Wenn sich nun eine neue Bewegung von Kulturschaffenden dagegen wehrt, dass dies immer so weitergeht – was ist daran schlecht?
Schweizer: Nichts, ich teile diese Ziele uneingeschränkt. Aber ich verstehe nicht, warum man deswegen die Freiheit der Kunst angreifen muss, warum man ein Klima der Angst erzeugt. Und das ist nicht nur so dahingesagt. Es gibt Dutzende von Menschen im Kunstbetrieb, in den Universitäten oder den Medien, die erledigt wurden, die ihre finanzielle Existenz verloren haben, weil sie einen falschen Satz gesagt oder geschrieben haben.
ZEIT: Sprechen wir über das N-Wort. Dieses Wort verletzt viele schwarze Menschen zutiefst, es steht für Mord, Grausamkeit und Unterdrückung. Braucht es dieses Wort wirklich in der Literatur, wenn man doch weiß, was es bei den Betroffenen anrichtet?
Schweizer: Ich würde dieses Wort selbst nie benutzen. Aber die Frage ist doch, ob man jetzt die Weltliteratur durchforstet und all die Bücher, in denen das Wort vorkommt, aus der Öffentlichkeit verbannt. Kann man noch James Baldwin lesen, der sein Leben lang gegen den Rassismus angeschrieben hat, aber das Wort verwendet? Ich finde: unbedingt. Darf man die Bücher redigieren? Nein, auf keinen Fall. Oder nehmen Sie einen Comic, den ich als Kind geliebt habe: Tim im Kongo.
ZEIT: Die berühmte Comicreihe Tim und Struppi aus den 1930er-Jahren von Hergé: In der Kongo-Ausgabe werden Schwarze als dämlich und naiv dargestellt, ihnen wurden wulstige Lippen gezeichnet, echte Charaktereigenschaften haben sie nicht.
Schweizer: Ja, das stößt einem auf. Aber soll man Tim und Struppi deshalb verbieten? Nein. Man muss Tim im Kongo im Zeitkontext verstehen. Man könnte einordnende Kommentare aktuellen Ausgaben hinzufügen. Noch besser wäre es, wenn man von einem mündigen Leser ausgehen würde. Leser sind nicht blöde, die machen sich schon selber Gedanken. Und vor allem wollen sie sich nicht bevormunden lassen. Das gilt auch für Kinder.
ZEIT: Was antworten Sie einer jungen schwarzen Frau, wenn sie eines Tages in einem der Bücher Ihres Verlags auf das N-Wort stößt und Ihnen schreibt, dass die Verwendung dieses Wortes bei ihr Assoziationen schlimmen Leids auslöst?
Schweizer: Ich würde dieser Frau sagen, dass ich ihre Ängste sehr ernst nehme. Und dass ich ebenfalls überzeugt bin, dass dies ein schreckliches Wort ist, das unendlich viel Leid angerichtet hat. Aber ich würde sie auch fragen, ob es die richtige Methode ist, dieses Wort zu verstecken, ob es richtig ist, so zu tun, als müsste man schwarze Menschen vor diesem Wort beschützen – oder ob es nicht besser ist, sich mit der Vergangenheit derart zu beschäftigen, dass nicht Opfer im Mittelpunkt stehen, sondern die Fähigkeit zur Resilienz, die der Vergangenheit ihren Schrecken nimmt.
ZEIT: Wir sprechen nun seit einer ganzen Weile, und es geht nur um die Verbotsmentalität der Linken. In vielen republikanisch dominierten Staaten hingegen werden Bücher aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken gleich ganz verbannt, weil es darin um Homosexualität geht oder die Geschichte der Sklaverei. Das sorgt Sie nicht?
Schweizer: Doch, natürlich. Aber aus der Perspektive der Autoren gibt es einen Unterschied: Die linken Sensibilitäten und Beschränkungen greifen schon, bevor ein Buch überhaupt auf dem Schreibtisch des Verlegers landet oder es – leider immer seltener – bis an die Druckerpresse schafft. So führt der Druck, den das progressive Lager ausübt, schlussendlich häufig zu Selbstzensur. Die Buchverbote von Typen wie Ron DeSantis sind zwar reaktionärer Nonsens, aber sie haben nicht denselben Effekt, man kann die Werke schließlich trotzdem einfach auf dem offenen Buchmarkt bekommen. Das Buch, das aus Angst vor der Zensur niemals geschrieben wurde, ist hingegen ein echter Verlust für die Kultur im Ganzen.
ZEIT: Sie haben als Literaturprofessor viele Studenten unterrichtet. Bemerken Sie bei denen einen Einfluss dieses Kulturkampfes?
Schweizer: Ja. Die Studenten sind vorsichtiger geworden. Sie wägen ihre Worte. Verschiedene Studien untermauern diese Beobachtung: Studenten sagen viel seltener, was sie denken, als noch vor ein paar Jahren. Sie fürchten die Konsequenzen und haben Angst vor den Scharfrichtern des Konformismus. Wenn wir uns die Campusse anschauen: Hier haben wir als Folge dieser Geisteshaltung eine neue Form der Segregation. Wenn Sie in Studentenheime gehen, sind die zunehmend nach Ethnien getrennt, aus Angst vor Mikroaggressionen, wenn ein schwarzer Student einem weißen begegnet oder andersherum. Wir sollen uns nicht mehr bei den anderen einmischen. Aber das sehe ich ganz anders. Wir müssen uns beieinander einmischen! Nur so gelingt echte, nachhaltige Desegregation.
ZEIT: Können Sie der gewachsenen Sensibilität und dem Bemühen um eine diversere Autorenschaft auch etwas Positives abgewinnen?
Schweizer: Natürlich! Der Marktplatz der Literatur ist heute viel globaler als früher. Man findet Bücher koreanischer Autorinnen und indischer Dichter, japanische, chinesische, afrikanische Stimmen. Übrigens, auch Chimamanda Ngozi Adichie, die fantastische nigerianische Autorin, beklagt eine »Epidemie der Selbstzensur«, unter der der Literaturbetrieb weltweit leidet.
ZEIT: Gibt es ein Buch, das Sie nicht verlegen würden?
Schweizer: Ich will nichts Langweiliges veröffentlichen. Ich bekomme allerdings auch Einsendungen, die ganz erkennbar darauf abzielen, anti-woke, anti-dies oder -jenes zu sein. Bücher, die eine bestimmte Agenda verfolgen, sind meist einfach nicht so gut. Die interessieren mich genauso wenig.
ZEIT: Wie finanzieren Sie Heresy Press?
Schweizer: Da steckt schon hauptsächlich eigenes Geld drin. Was uns hilft, ist die große moralische Unterstützung, die wir bekommen.
ZEIT: Ihr wohl prominentester Unterstützer ist der Wissenschaftler und Bestsellerautor Steve Pinker.
Schweizer: Als Steve Pinker mit seinen Hunderttausenden Twitter-Followern einen Newsletter von Heresy Press retweetete, meldeten sich so viele Menschen, dass meine Smartwatch nicht mehr aufgehört hat zu vibrieren. Und jetzt sitze ich hier und versinke in den Zusendungen von Literaturschaffenden aus dem gesamten englischsprachigen Raum.
ZEIT: Seit Januar haben Sie über 150 Einreichungen bekommen. Wer sind diese Leute?
Schweizer: Sie sind das genaue Gegenstück zum Bestsellerregal bei Barnes & Noble. 80 bis 90 Prozent von ihnen sind weiße Männer. Und mich wundert das auch nicht. Sie sind es, die im aktuellen kulturellen Klima aussortiert werden. Dabei ist ihre Arbeit oft brillant.
ZEIT: Glauben Sie, Ihr Verlag hat eine echte Chance auf Erfolg?
Schweizer: Wir bringen jetzt eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Nothing Sacred (»Nichts Heiliges«) raus, gefolgt von zwei Romanen, und dann kommen noch mal mehrere Romane im nächsten Jahr. Danach wissen wir, ob wir mit diesen verrückten, mutigen, ungewöhnlichen, tollen Büchern eine Marktlücke treffen. Der Schweizer in mir würde sagen: Wenn die Leute diese Bücher nicht kaufen, dann machen wir Schluss. Der Amerikaner in mir aber sagt: »Failure is not an option.« 

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Paul Middelhoff